Artikel im Westfalen Blatt
Waldorfschüler bauen ihren Waschplatz selbst
Bielefeld
Die dritte Klasse der Rudolf-Steiner-Schule in Bielefeld hat gemeinsam mit ihren Eltern einen Waschplatz für den Schulgarten gebaut. Hinter dem Projekt stecken viele Stunden ehrenamtliche Arbeit – und ein pädagogisches Konzept.
Schubkarren rollen über den Hof, Beton wird gemischt, eine Flex kreischt. Was nach einer gewöhnlichen Baustelle klingt, ist die Bauepoche der dritten Klasse der Rudolf-Steiner-Schule in Bielefeld-Schildesche.
Eine Fachfirma sucht man hier allerdings vergeblich. Stattdessen schieben Neunjährige Schubkarren mit Beton, schleppen Steine und hantieren mit der Wasserwaage.
Lernen durch Tun
Eine ganze Schulwoche lang tauschten die 32 Schülerinnen und Schüler Klassenzimmer gegen Baustelle. Bereits vor Beginn der eigentlichen Bauwoche hatten Eltern Löcher ausgehoben und Rohre für den Wasseranschluss verlegt. Während der Bauepoche wurde dann betoniert, gemauert, gesägt und geschleppt – und das bei Sonne, Wind und Regen.
Bauepoche – was bedeutet das eigentlich? An Waldorfschulen werden die Hauptfächer in sogenannten Epochen unterrichtet. Statt jeden Tag viele verschiedene Fächer hintereinander zu behandeln, beschäftigen sich die Kinder über mehrere Wochen intensiv mit einem Thema.
In der dritten Klasse gehört dazu auch das Bauen. Diese besondere Epoche knüpft an den sogenannten „Rubikon“ an – eine Entwicklungsphase zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr, in der Kinder beginnen, sich bewusster von ihrer Umwelt abzugrenzen und ihren eigenen Platz zu suchen, erklärt Klassenlehrerin Stella Duchstein. An Waldorfschulen begleiten Klassenlehrerinnen die Kinder über mehrere Jahre hinweg – sie begleitet die Kinder bis zum Ende der sechsten Jahrgangsstufe.
Nach Theorie folgt Praxis
Im Unterricht beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler zuvor mit Ackerbau, Handwerkerberufen und dem Vermessen von Räumen. In der Bauwoche wurde dieses Wissen nicht abgefragt, sondern angewendet.
„Lernen soll nicht allein im Kopf stattfinden, sondern durch eigenes Tun, Erleben und gemeinschaftliche Erfahrungen wachsen“, erklärt die Klassenlehrerin, die auch Teil des dreiköpfigen Schulleitungsteams ist. „Es geht darum, dass Kinder erleben: Ich tue etwas, ich schaffe das, ich kann das.“
Die Kinder arbeiteten dafür in vier Gruppen, in denen täglich rotiert wurde: Baustelle, Mosaik, Catering und Pressearbeit. Auf der Baustelle lernten die Kinder Mörtel anzumischen, zu mauern und mit der Flex zu sägen. Im Catering-Team wurde jeden Morgen ein üppiges Frühstück für alle Beteiligten vorbereitet. In der Mosaikgruppe entstanden aus bunten Steinen individuelle Fliesen für den Waschplatz.
„In der Mosaikgruppe ging es darum, etwas ganz Eigenes entstehen zu lassen“, erklärt Stella Duchstein. Später werde alles wieder Teil eines gemeinsamen Ganzen: Die einzelnen Fliesen schmücken am Ende gemeinsam den Waschplatz.
Und dann gab es noch die Arbeitsgruppe der Reporterinnen und Reporter. In dieser Rolle begleiteten die Kinder die Bauepoche journalistisch, führten erste Interviews, recherchierten zum Thema Wasser und schrieben kleine Unfallberichte – und sogar Vermisstenmeldungen. Denn zwischenzeitlich galt ein Kühlschrank tatsächlich als verschwunden. Innerhalb nur einer Woche entstand so eine komplette Projektzeitung mit eigenen Texten, Fotos und Illustrationen.
Organisiert und begleitet wurden sämtliche Gruppen von Eltern. Dass der Waschplatz überhaupt entstehen konnte, sei gerade dieser Zusammenarbeit zu verdanken gewesen. Mutter Heike Neetz, die als Architektin arbeitet, entwarf die Baupläne und koordinierte die Bauarbeiten.
„Ich bin beeindruckt davon, wie das durch die Eltern gestemmt wurde“, sagt Stella Duchstein. Besonders beeindruckt habe sie aber die Klasse selbst: „Mich freut immer zu sehen, wie unterschiedliche Qualitäten zum Tragen kommen. Ich war überrascht, wie alle Kinder mitgemacht haben – ich bin begeistert von unserer Klasse.“
Denn nicht alle müssen hier gleich schnell sein oder dasselbe gleich gut können. Während manche Kinder mit Maurerkelle und Wasserwaage aufblühten, entdeckten andere ihre Stärke beim Schreiben, Organisieren oder Gestalten.
Ganz fertig ist der neue Waschplatz trotz des Mottos „Viele Hände, schnelles Ende“ allerdings noch nicht: Die Wasserhähne müssen noch installiert und die gestalteten Mosaikfliesen angebracht werden.
Finanziert wurde das Projekt vor allem durch Spenden. Eltern organisierten zwei Mal Cateringaktionen, Unterstützung gab es außerdem von „Bielefeld zeigt Herz“ sowie vom schuleigenen Basarkreis, der die Einnahmen aus Schulveranstaltungen verwaltet.
Pünktlich zum Richtfest des Waschplatzes am Freitag (22. Mai) lag auch die Projektzeitung fertig gedruckt vor. Nachmittags saßen Kinder und Geschwister im Schulgarten auf der Wiese, blätterten durch die Seiten, zeigten auf Fotos und lasen sich gegenseitig Texte vor. Keine Handys, keine Reels – sondern bedrucktes Papier. Vielleicht hat die Bauepoche neben dem Waschplatz sogar noch etwas anderes hervorgebracht: ein paar Zeitungsleser von morgen.







